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FAMILIENANGELEGENHEIT

Fotos & Text: Sandra Moser

Lastwagen waren schon immer das Ding von Ulrich Kilian. Nach einer gemeinsamen Oldtimer-Restaurierung haben jetzt auch sein Sohn und seine Tochter ein „echtes“ Laster.

„Papa ist froh, wenn er alleine auf eine Oldtimerausfahrt gehen darf, geschweige denn selber fahren“, erzählt Stephanie Kilian. „Ja, weil du dauernd fahren willst!“, mischt sich ihr Bruder Philipp Kilian mit einem breiten Grinsen ein. „Stimmt gar nicht, du!“, gibt sie lachend zurück. „Auch wenn die beiden durch meine private Leidenschaft und meinen Beruf mit Lkw aufgewachsen sind, dass sie sich selbst dafür begeistern, ist nicht selbstverständlich und freut mich schon arg“, kommentiert der Vater stolz lächelnd das kleine Gekabbel. Dass der Zündschlüssel des inzwischen 43 Jahre alten 1632 AK mal so begehrt sein würde, sah Ulrich Kilian vermutlich nicht ganz kommen, als er den damals ziemlich maroden Mercedes-Benz Anfang 2008 bei einem bayerischen Händler im Internet entdeckte. Über ein Jahr beäugte er das etwas überteuerte Angebot und haderte. Dann entschloss er sich an Ostern 2009 zu einer Besichtigung und holte, nach geglückter Preisverhandlung, den Oldtimer Anfang Juni zu sich nach Hause ins schwäbische Albershausen. Der Startschuss für das Restaurierungsprojekt.

„Der 1974 vom Band gerollte Kipper, der später noch einen Kranaufbau erhielt, über 5,5 Tonnen Nutzlast verfügt und in dem ein dicker, seinerzeit mit 320 PS bärenstarker Zehnzylinder-Motor arbeitet, ist durchaus eine kleine Rarität. Unzählige Fahrzeuge dieser Generation wurden nämlich nach Afrika und in den Mittleren Osten verkauft, wenn sie hierzulande ihr erstes Leben hinter sich hatten und sind für Sammler verloren. „Diese Konfiguration schwebte mir aber vor, denn zum einen wollte ich mit dem Lkw noch etwas arbeiten können, zum Beispiel für die Jagd, und zum anderen ist es doch bei vielen Oldtimerfreunden so, dass sie nach den Modellen ihrer Jugend schauen“, beschreibt Ulrich.

„Ich mochte schon immer Nutzfahrzeuge – je größer, desto besser.“

Apropos Jugend: Angefangen hat alles mit zwei Schleppern, einem 28 PS-Hanomag und einem 12 PS-McCormick, die die Mobilitätsgarantie waren, wenn der zwölfjährige Uli Anfang der 70er-Jahre die Sommerferien auf dem Bauernhof der Verwandtschaft verbrachte: „Mich faszinierten nie schnelle Autos. Genug PS schadeten nichts, aber bitte in einem Nutzfahrzeug. Je größer und dicker, desto doller. Das war mein Ding.“ Nach Abi und Bundeswehr, dort machte er den Lkw-Führerschein, jobbte er mit dessen ziviler Umschreibung für ein Jahr als Fahrer im Fernverkehr. „Ich war 21 und wusste schon, dass ich Maschinenbau studiere. Aber zuerst für eine Weile meiner Lieblingsbeschäftigung nachgehen, das gönnte ich mir einfach“, erinnert er sich. Werkstattarbeit war immerhin als Pflichtpraktikum anrechenbar, also alles ganz vertretbar. Natürlich konnte er auch während dem Studium nicht die Finger vom Lenkrad lassen und gondelte nach dem Vordiplom die eine oder andere Nacht kreuz und quer durch Deutschland. „Das hat genau gepasst, nachts nach Frankfurt, Ware holen, morgens um sechs am Großmarkt in Stuttgart ausladen und um acht Matheprüfung an der Uni schreiben“, erzählt er schmunzelnd, „die Kommilitonen hatten Ränder unter den Augen vom Lernen und ich halt von was Anderem. Bestanden hab’ ich, das zählt.“ Die Fahrt- beziehungsweise Fachrichtung war dann auch schnell klar. Nutzfahrzeugtechnik, was auch sonst.

Seine Leidenschaft fürs Lkw-Fahren wird ihm sogar noch sehr nützlich, denn ein paar Semester später suchte sein Professor einen Studenten, der nicht nur den 2er-Führerschein besaß, sondern dazu Fahrpraxis vorweisen konnte. Bei Daimler in Berlin sollte ein Fahrsimulator mit einem NG-80-Fahrerhaus so getrimmt werden, dass sich der Fahreindruck realistisch anfühlte. Daraus wurde Ulrichs Diplomarbeit und aus ihm wenig später ein Entwicklungsingenieur im Lkw-Versuch. „Auch im Beruf beschäftigte ich mich also von Beginn an ausschließlich mit Lastern. Ich schätze, jetzt bin ich wirklich nicht mehr anderweitig verwendbar“, lacht der 56-Jährige. Inzwischen ist er Abteilungsleiter Kundendienst schwere Lkw im Werk Wörth und seit über 30 Jahren der Marke mit dem Stern treu.

„Irgendwie waren schon immer Lkw um uns rum. Die gehörten einfach dazu.“

In diesem Zeitraum ergibt sich für Ulrichs Kinder Stephanie und Philipp reichlich Gelegenheit, der Materie Lkw nah zu kommen. „Wenn unser Vater damals, als wir noch klein waren, übers Wochenende ein Testfahrzeug dabeihatte, durften wir mitfahren und auch mal eine Nacht drin schlafen. So wie andere Kinder im Garten zelteten. Das war einfach cool“, erinnert sich Stephanie „oder diese Studie, mit dem Lenkrad in der Mitte. Die Kinder der ganzen Nachbarschaft, sind da begeistert durchgeklettert!“ Sehr eindrücklich für die Geschwister war zum Beispiel auch das Erlebnis einer Überführung von über 100 neuen Actros aus dem Werk in Wörth an einen Kunden, die ihr Vater Anfang der 2000er-Jahre organisierte. „Eine unglaubliche Kolonne. Der erste war mit Blumen geschmückt und die Leute am Zielort jubelten und winkten. Es gibt ein Video davon, wenn ich das anschaue, bekomme ich heute noch Gänsehaut“, beschreibt Stephanie. Die Faszination bleibt und schlägt sich nieder, die 24-jährige lernte Speditionskauffrau. Philipp ergänzt: „Irgendwie waren schon immer Lkw um uns rum. Die gehörten einfach dazu.“ Der 21-jährige studiert, wie sein Vater, Maschinenbau Fachrichtung Fahrzeugtechnik.

Endgültig besiegelt wurde die Kilian’sche Liebe zum Laster mit der Ankunft des 1632 AK am 3. Juni 2009. „Der erste „eigene“ Lkw, wenn zu dem Zeitpunkt auch noch eher ein Schrotthaufen. Das war ein großes „Hallo“ hier und der Beginn von arbeitsreichen, aber zugleich richtig schönen dreieinhalb Jahren“, meint Ulrich. Arbeitsreich, denn den neuen Besitzern stand zuerst eine nahezu komplette Demontage des Oldtimers bevor, gefolgt von der Sanierung und dem Neuaufbau – inklusive aller kleinen und großen Widrigkeiten, die sich bei so einer Sache gerne mal im Detail verstecken. In Angriff genommen wurde das Projekt in der Werkstatt des Schwagers, der einen Lackierbetrieb besitzt. Das eine oder andere spezielle Werkzeug in Lkw-Format stellte ein alter Schulkamerad zur Verfügung, passenderweise Inhaber eines Baustoffhandels mit eigener Flotte. Expertenrat steuerten verschiedene Oldtimerenthusiasten und erfahrene Kollegen aus dem Kundendienst bei Daimler bei und viele helfende Hände liehen gute Freunde und die ganze Familie. Allen voran Philipp, der sich, obwohl damals erst 13 Jahre alt, voller Neugier und Tatendrang in die Innereien des alten Kipplasters einarbeitete.

Nach Abbau von Kran, Pritsche, Hilfsrahmen und Rahmen folgte der Ausbau des Getriebes. Es ging zur Generalüberholung an einen Fachmann. Fahrerhaus, Kühler und der Motor mussten auch raus, beziehungsweise runter. Während der Motor noch gut in Schuss war und mit der Erneuerung einiger Verschleißteile wieder auf Vordermann gebracht werden konnte, stellte sich bei näherer Betrachtung heraus, dass das Fahrerhaus ein Fall für den Altmetallcontainer war. Viel zu viele Beulen, Bohrlöcher, Rost. Zum Glück fand Ulrich im rund 650 Kilometer entfernten Ibbenbüren einen Nutzfahrzeughändler, in dessen Lager tatsächlich noch ein über 30 Jahre altes, aber nagelneues Rohbaufahrerhaus herumstand. Zwar schon ein NG 80, also nach Modellpflege, aber der Rückbau auf NG 73 war relativ gut zu bewältigen. Völlig überarbeitet und teilwiese ganz neu aufgebaut wurden auch die Kipperbrücke und der Atlas-Kran. Nach unzähligen Samstagen, die mit Schrauben, Hämmern, Sägen, Flexen, Schweißen, Schleifen, Spachteln, Lackieren und, und, und… ins Land gingen, fügte sich der große Bausatz wieder Stück für Stück zu einem Lkw zusammen. Am 13. November 2012 erhielt der wieder voll funktionsfähige, in neuem Ochsenblut-Rot und Opal-Grün strahlende Oldtimer seine Zulassung.

Der 1632 ist zu einer echten „Familienangelegenheit“ geworden.

„Durch einen schönen Zufall kennen wir übrigens auch den „Stammbaum“ unseres Lasters, obwohl ich vom Händler nur Ersatzpapiere hatte, in denen die früheren Besitzer nicht drin standen“, erwähnt Ulrich. Während eines dienstlichen Besuchs bei einem Mercedes-Benz Autohaus im Süd-Schwarzwald kamen er und der dortige Service-Leiter auf das Hobby Lkw-Oldtimer zu sprechen und Ulrich zeigte ihm ein Handyfoto. „Der Kollege musste lachen, denn er kannte unser Schätzchen sehr gut von früher, da dessen Besitzer, die Stadtwerke Waldshut-Tiengen und dann eine Baumschule aus Bad Säckingen, damals Kunden in der Werkstatt waren.“ Auch der Erstbesitzer war dann schnell ausgemacht: die damalige Schluchsee-Werke AG. Jetzt, nachdem Ulrich wusste, was dort mal gestanden hatte, machten auch die unleserlichen Kleberspuren auf der Tür der alten Hütte einen Sinn. Etwas Recherche bei dem Schweizer Energiekonzern, zu dem die Schluchsee-Werke inzwischen gehörten, ergab, dass der erste Fahrer des 1632 Willi Behringer hieß und sich noch bester Gesundheit erfreute. Er hatte mit ihm Maschinen- und Anlagenteile für den Kraftwerksbetrieb transportiert und Winterdiensteinsätze gefahren. „Wir besuchten Herrn Behringer am Schluchsee – mit seinem alten Lastwagen. Der hat sich sehr gefreut, ihn in neuer alter Schönheit wiederzusehen und gab uns Bilder von früher mit“, erzählt Philipp.

Inzwischen haben Stephanie und Philipp selbst den Lkw-Führerschein und sind fast öfter mit dem Familien-Laster unterwegs als ihr Vater. Der hat dafür schon die nächsten Projekte im Kopf: Eine größere geeignete Halle finden und einen, zum Kipper passenden, zeitgenössischen Tieflader aufstöbern und instandsetzen. Denn mit einem Gespann könnte man ja, ganz praktisch gedacht, größere Sachen transportieren, abholen, von irgendwo herbringen. „Vielleicht eine schöne alte Kälble-Zugmaschine oder so etwas. Dann müssten sich meine beiden hier jedenfalls nicht mehr um den Schlüssel für den 1632 zanken“, grinst Ulrich verschmitzt.

FAMILIENANGELEGENHEIT

Fotos & Text: Sandra Moser

Lastwagen waren schon immer das Ding von Ulrich Kilian. Nach einer gemeinsamen Oldtimer-Restaurierung haben jetzt auch sein Sohn und seine Tochter ein „echtes“ Laster.

„Papa ist froh, wenn er alleine auf eine Oldtimerausfahrt gehen darf, geschweige denn selber fahren“, erzählt Stephanie Kilian. „Ja, weil du dauernd fahren willst!“, mischt sich ihr Bruder Philipp Kilian mit einem breiten Grinsen ein. „Stimmt gar nicht, du!“, gibt sie lachend zurück. „Auch wenn die beiden durch meine private Leidenschaft und meinen Beruf mit Lkw aufgewachsen sind, dass sie sich selbst dafür begeistern, ist nicht selbstverständlich und freut mich schon arg“, kommentiert der Vater stolz lächelnd das kleine Gekabbel. Dass der Zündschlüssel des inzwischen 43 Jahre alten 1632 AK mal so begehrt sein würde, sah Ulrich Kilian vermutlich nicht ganz kommen, als er den damals ziemlich maroden Mercedes-Benz Anfang 2008 bei einem bayerischen Händler im Internet entdeckte. Über ein Jahr beäugte er das etwas überteuerte Angebot und haderte. Dann entschloss er sich an Ostern 2009 zu einer Besichtigung und holte, nach geglückter Preisverhandlung, den Oldtimer Anfang Juni zu sich nach Hause ins schwäbische Albershausen. Der Startschuss für das Restaurierungsprojekt.

„Der 1974 vom Band gerollte Kipper, der später noch einen Kranaufbau erhielt, über 5,5 Tonnen Nutzlast verfügt und in dem ein dicker, seinerzeit mit 320 PS bärenstarker Zehnzylinder-Motor arbeitet, ist durchaus eine kleine Rarität. Unzählige Fahrzeuge dieser Generation wurden nämlich nach Afrika und in den Mittleren Osten verkauft, wenn sie hierzulande ihr erstes Leben hinter sich hatten und sind für Sammler verloren. „Diese Konfiguration schwebte mir aber vor, denn zum einen wollte ich mit dem Lkw noch etwas arbeiten können, zum Beispiel für die Jagd, und zum anderen ist es doch bei vielen Oldtimerfreunden so, dass sie nach den Modellen ihrer Jugend schauen“, beschreibt Ulrich.

„Ich mochte schon immer Nutzfahrzeuge – je größer, desto besser.“

Apropos Jugend: Angefangen hat alles mit zwei Schleppern, einem 28 PS-Hanomag und einem 12 PS-McCormick, die die Mobilitätsgarantie waren, wenn der zwölfjährige Uli Anfang der 70er-Jahre die Sommerferien auf dem Bauernhof der Verwandtschaft verbrachte: „Mich faszinierten nie schnelle Autos. Genug PS schadeten nichts, aber bitte in einem Nutzfahrzeug. Je größer und dicker, desto doller. Das war mein Ding.“ Nach Abi und Bundeswehr, dort machte er den Lkw-Führerschein, jobbte er mit dessen ziviler Umschreibung für ein Jahr als Fahrer im Fernverkehr. „Ich war 21 und wusste schon, dass ich Maschinenbau studiere. Aber zuerst für eine Weile meiner Lieblingsbeschäftigung nachgehen, das gönnte ich mir einfach“, erinnert er sich. Werkstattarbeit war immerhin als Pflichtpraktikum anrechenbar, also alles ganz vertretbar. Natürlich konnte er auch während dem Studium nicht die Finger vom Lenkrad lassen und gondelte nach dem Vordiplom die eine oder andere Nacht kreuz und quer durch Deutschland. „Das hat genau gepasst, nachts nach Frankfurt, Ware holen, morgens um sechs am Großmarkt in Stuttgart ausladen und um acht Matheprüfung an der Uni schreiben“, erzählt er schmunzelnd, „die Kommilitonen hatten Ränder unter den Augen vom Lernen und ich halt von was Anderem. Bestanden hab’ ich, das zählt.“ Die Fahrt- beziehungsweise Fachrichtung war dann auch schnell klar. Nutzfahrzeugtechnik, was auch sonst.

Seine Leidenschaft fürs Lkw-Fahren wird ihm sogar noch sehr nützlich, denn ein paar Semester später suchte sein Professor einen Studenten, der nicht nur den 2er-Führerschein besaß, sondern dazu Fahrpraxis vorweisen konnte. Bei Daimler in Berlin sollte ein Fahrsimulator mit einem NG-80-Fahrerhaus so getrimmt werden, dass sich der Fahreindruck realistisch anfühlte. Daraus wurde Ulrichs Diplomarbeit und aus ihm wenig später ein Entwicklungsingenieur im Lkw-Versuch. „Auch im Beruf beschäftigte ich mich also von Beginn an ausschließlich mit Lastern. Ich schätze, jetzt bin ich wirklich nicht mehr anderweitig verwendbar“, lacht der 56-Jährige. Inzwischen ist er Abteilungsleiter Kundendienst schwere Lkw im Werk Wörth und seit über 30 Jahren der Marke mit dem Stern treu.

„Irgendwie waren schon immer Lkw um uns rum. Die gehörten einfach dazu.“

In diesem Zeitraum ergibt sich für Ulrichs Kinder Stephanie und Philipp reichlich Gelegenheit, der Materie Lkw nah zu kommen. „Wenn unser Vater damals, als wir noch klein waren, übers Wochenende ein Testfahrzeug dabeihatte, durften wir mitfahren und auch mal eine Nacht drin schlafen. So wie andere Kinder im Garten zelteten. Das war einfach cool“, erinnert sich Stephanie „oder diese Studie, mit dem Lenkrad in der Mitte. Die Kinder der ganzen Nachbarschaft, sind da begeistert durchgeklettert!“ Sehr eindrücklich für die Geschwister war zum Beispiel auch das Erlebnis einer Überführung von über 100 neuen Actros aus dem Werk in Wörth an einen Kunden, die ihr Vater Anfang der 2000er-Jahre organisierte. „Eine unglaubliche Kolonne. Der erste war mit Blumen geschmückt und die Leute am Zielort jubelten und winkten. Es gibt ein Video davon, wenn ich das anschaue, bekomme ich heute noch Gänsehaut“, beschreibt Stephanie. Die Faszination bleibt und schlägt sich nieder, die 24-jährige lernte Speditionskauffrau. Philipp ergänzt: „Irgendwie waren schon immer Lkw um uns rum. Die gehörten einfach dazu.“ Der 21-jährige studiert, wie sein Vater, Maschinenbau Fachrichtung Fahrzeugtechnik.

Endgültig besiegelt wurde die Kilian’sche Liebe zum Laster mit der Ankunft des 1632 AK am 3. Juni 2009. „Der erste „eigene“ Lkw, wenn zu dem Zeitpunkt auch noch eher ein Schrotthaufen. Das war ein großes „Hallo“ hier und der Beginn von arbeitsreichen, aber zugleich richtig schönen dreieinhalb Jahren“, meint Ulrich. Arbeitsreich, denn den neuen Besitzern stand zuerst eine nahezu komplette Demontage des Oldtimers bevor, gefolgt von der Sanierung und dem Neuaufbau – inklusive aller kleinen und großen Widrigkeiten, die sich bei so einer Sache gerne mal im Detail verstecken. In Angriff genommen wurde das Projekt in der Werkstatt des Schwagers, der einen Lackierbetrieb besitzt. Das eine oder andere spezielle Werkzeug in Lkw-Format stellte ein alter Schulkamerad zur Verfügung, passenderweise Inhaber eines Baustoffhandels mit eigener Flotte. Expertenrat steuerten verschiedene Oldtimerenthusiasten und erfahrene Kollegen aus dem Kundendienst bei Daimler bei und viele helfende Hände liehen gute Freunde und die ganze Familie. Allen voran Philipp, der sich, obwohl damals erst 13 Jahre alt, voller Neugier und Tatendrang in die Innereien des alten Kipplasters einarbeitete.

Nach Abbau von Kran, Pritsche, Hilfsrahmen und Rahmen folgte der Ausbau des Getriebes. Es ging zur Generalüberholung an einen Fachmann. Fahrerhaus, Kühler und der Motor mussten auch raus, beziehungsweise runter. Während der Motor noch gut in Schuss war und mit der Erneuerung einiger Verschleißteile wieder auf Vordermann gebracht werden konnte, stellte sich bei näherer Betrachtung heraus, dass das Fahrerhaus ein Fall für den Altmetallcontainer war. Viel zu viele Beulen, Bohrlöcher, Rost. Zum Glück fand Ulrich im rund 650 Kilometer entfernten Ibbenbüren einen Nutzfahrzeughändler, in dessen Lager tatsächlich noch ein über 30 Jahre altes, aber nagelneues Rohbaufahrerhaus herumstand. Zwar schon ein NG 80, also nach Modellpflege, aber der Rückbau auf NG 73 war relativ gut zu bewältigen. Völlig überarbeitet und teilwiese ganz neu aufgebaut wurden auch die Kipperbrücke und der Atlas-Kran. Nach unzähligen Samstagen, die mit Schrauben, Hämmern, Sägen, Flexen, Schweißen, Schleifen, Spachteln, Lackieren und, und, und… ins Land gingen, fügte sich der große Bausatz wieder Stück für Stück zu einem Lkw zusammen. Am 13. November 2012 erhielt der wieder voll funktionsfähige, in neuem Ochsenblut-Rot und Opal-Grün strahlende Oldtimer seine Zulassung.

Der 1632 ist zu einer echten „Familienangelegenheit“ geworden.

„Durch einen schönen Zufall kennen wir übrigens auch den „Stammbaum“ unseres Lasters, obwohl ich vom Händler nur Ersatzpapiere hatte, in denen die früheren Besitzer nicht drin standen“, erwähnt Ulrich. Während eines dienstlichen Besuchs bei einem Mercedes-Benz Autohaus im Süd-Schwarzwald kamen er und der dortige Service-Leiter auf das Hobby Lkw-Oldtimer zu sprechen und Ulrich zeigte ihm ein Handyfoto. „Der Kollege musste lachen, denn er kannte unser Schätzchen sehr gut von früher, da dessen Besitzer, die Stadtwerke Waldshut-Tiengen und dann eine Baumschule aus Bad Säckingen, damals Kunden in der Werkstatt waren.“ Auch der Erstbesitzer war dann schnell ausgemacht: die damalige Schluchsee-Werke AG. Jetzt, nachdem Ulrich wusste, was dort mal gestanden hatte, machten auch die unleserlichen Kleberspuren auf der Tür der alten Hütte einen Sinn. Etwas Recherche bei dem Schweizer Energiekonzern, zu dem die Schluchsee-Werke inzwischen gehörten, ergab, dass der erste Fahrer des 1632 Willi Behringer hieß und sich noch bester Gesundheit erfreute. Er hatte mit ihm Maschinen- und Anlagenteile für den Kraftwerksbetrieb transportiert und Winterdiensteinsätze gefahren. „Wir besuchten Herrn Behringer am Schluchsee – mit seinem alten Lastwagen. Der hat sich sehr gefreut, ihn in neuer alter Schönheit wiederzusehen und gab uns Bilder von früher mit“, erzählt Philipp.

Inzwischen haben Stephanie und Philipp selbst den Lkw-Führerschein und sind fast öfter mit dem Familien-Laster unterwegs als ihr Vater. Der hat dafür schon die nächsten Projekte im Kopf: Eine größere geeignete Halle finden und einen, zum Kipper passenden, zeitgenössischen Tieflader aufstöbern und instandsetzen. Denn mit einem Gespann könnte man ja, ganz praktisch gedacht, größere Sachen transportieren, abholen, von irgendwo herbringen. „Vielleicht eine schöne alte Kälble-Zugmaschine oder so etwas. Dann müssten sich meine beiden hier jedenfalls nicht mehr um den Schlüssel für den 1632 zanken“, grinst Ulrich verschmitzt.