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EXTRABREIT

Fotos & Text: Sandra Moser

Groß und schwer, das ist es, was Michael Heidenreich bewegt – im doppelten Sinn. Denn er ist Schwerlastfahrer und liebt diese Herausforderung.

Wenn Michael Heidenreich den Motor seines dicken MAN TGX 41.640 anwirft und sich auf Tour macht, ist er meistens ganz schön breit unterwegs. Überbreit, um genau zu sein. Und überlang. Und ziemlich hoch oft auch. Heidi, wie seine Kollegen und Freunde den 44-jährigen nennen, ist seit 15 Jahren Fahrer für Spezialtransporte bei der Schwerlastspedition Bohnet aus der Nähe von Memmingen. Dinge mit nicht ganz alltäglichen Dimensionen bewegen ist sein alltäglicher Job. Michael lächelt bescheiden, als spräche er von Kleinigkeiten: „Das Schwerste, an das ich mich jetzt so spontan erinnere, war ein Trafo von Trafo Union Nürnberg. Der hatte mit Träger unten dran 500 Tonnen.“

Dagegen ist das, was heute auf der To-Do-Liste steht, fast Kleinkram. „Nur“ knapp 130 Tonnen wiegt die Presse, die vom Hersteller, Schuler Pressen im schwäbischen Göppingen, zu ihrem neuen Besitzer in der Nähe von Offenburg muss. Immerhin, in den Papieren ist der Transport mit 34 Metern Länge, 5,8 Metern Breite und 4,6 Metern Höhe bei einem Meter Fahrhöhe notiert. „Insgesamt habe ich 20 Achsen mitgebracht, 16 am Auflieger plus die vier von der Zugmaschine“, zählt Michael auf. Der Auflieger ist aus vier Modulen von Scheuerle zusammengebaut. „Es sind welche mit 10,5 Tonnen Achslast, also kommen wir gut hin mit dem Gewicht der Ladung. Technisch kann man so ein Ding fast nicht überladen, 24 Tonnen pro Achse sind möglich. Aber leider ist die Infrastruktur, Straßen, Brücken, inzwischen so empfindlich geworden, dass die Genehmigungen strikt einzuhalten sind“, erklärt er, während er die Sicherungsmittel, massive Ketten und große Karabiner vorbereitet.

„An Nachwuchs mangelt es. Eigentlich echt schade, denn es ist ein toller Beruf.“

Die Ladung, ein mächtiger Klotz, eingeschweißt in Transportfolie, liegt schon parat. Die Verlader von Schuler haben gerade noch dicke Schäkel eingeschraubt und schlagen sie jetzt an dem 230-Tonnen Kran unter der Hallendecke an. Der packt die Presse dann ganz langsam mittig auf den Tieflader. Heidi schaut genau hin und fasst mit an. „Das gehört dazu, genauso wie das Sichern. Die Fahraufgaben in unserer Branche sind herausfordernd und immer wieder aufs Neue spannend, dafür können sich viele begeistern. Aber das ganze Drumrum ist eben auch sehr anstrengend und mindestens genau so anspruchsvoll. Da verging schon einigen der Spaß. Darum finden auch wir eher schwer Nachwuchs. Was eigentlich echt schade ist, denn es ist ein toller Beruf“, ruft er vom Auflieger runter, bevor er sich an den ersten Kettenspanner hängt. Heidi verzurrt sechs Mal und positioniert dann noch die beiden beleuchteten Warntafelbalken vor und hinter der Presse. Die Verlader präparieren unterdessen ein riesiges blaues „Schutzdeckchen“ für das wertvolle Gut und breiten es mittels Kran über den Stahlklotz. Jetzt fehlt nur noch ein bisschen Schwerlast-Makramee mit etwa vier Dutzend Schnüren, damit die Plane nicht während der Fahrt zu flattern anfängt. Mit flinken Handgriffen schlingt Michael Knoten, die stramm sitzen, sich aber trotzdem leicht öffnen lassen, sollte er unterwegs mal nachspannen müssen. Jetzt noch kurz die persönliche Materialkiste auf dem Schwanenhals aufräumen, das Hydraulikaggregat des Aufliegers betanken und das Gespann ist abfahrbereit. Es kann losgehen.

Nein, natürlich nicht. Auf den Weg machen kann sich die Fuhre erst ab 22 Uhr. Wenn die Begleitfahrzeuge und die Polizei da sind. Michael grinst: „Durch die Überbreite ist auf der ganzen Strecke „begleitetes Fahren“ angesagt.“ Bis es so weit ist, macht er deshalb Pause und setzt sich erstmal gemütlich in die Sonne. Ein lässiger Job. „Naja, dafür darf ich übermorgen, kurz vorm Ziel, den Trailer umbauen. Weil ich in der Länge nicht zum Kunden komme. Dazu muss auf einem Rastplatz die Ladung auf Stahlfüße abgesetzt werden, damit ich ein Modul herausnehmen kann. Alles mit der Hand am Arm. Das ist dann das Gegenteil von lässig. Ich hoffe, es ist kein Mistwetter.“

Seine Arbeit mag Michael trotzdem sehr. Als gelernter Schlosser für Nutzfahrzeuge gehörte der Lkw-Führerschein für ihn zur Ausbildung. Von der Werkstatt auf die Straße wechselte er 1994, zuerst auf einen normalen 40-Tonner. „Mein Vater war schon Fernfahrer, das ist, wie bei so vielen, eine Erbkrankheit“, erzählt er lachend. Mit 40 Tonnen hat er es zwar inzwischen kaum noch zu tun, aber auch für Bohnet kommen seine elf Fahrer-Kollegen und er ganz schön rum, mal alleine, öfter im Konvoi. Von Nordschweden bis Südportugal, von England über Holland, Italien oder Slowenien. Schlicht kreuz und quer durch Europa. Kaum vorstellbar, wenn man sich die Dimensionen der Ladungen vor Augen führt: Behälter, Generatoren, Turbinen, Brückenbauteile, Trafos, Maschinen und Maschinenteile – ja einfach alles, was die Schwerindustrie so hergibt. Mit just in time und Overnight Express ist in diesen Größenordnungen natürlich nichts zu machen. „Wenn man weiß, es geht weit in den Süden oder Norden, dann ist man halt einfach mal 14 Tage unterwegs. Das sind trotzdem die schönsten Touren, denn im Ausland, das muss ich echt sagen, ist das Fahren mit solchen Maßen und Massen einfach entspannter“, beschreibt er. Getoppt wird das Ganze nur noch, wenn seine Frau Renate ihn begleitet. Das erlaubt sein Arbeitgeber nämlich ab und zu, und, seine Frau macht das auch noch richtig gerne, sagt er und lächelt stolz: „Sie würde viel öfter mitkommen, wenn das zeitlich ginge. Wir sind seit 21 Jahren verheiratet, was in dieser Branche eher eine Seltenheit ist.“

„Einzelkämpfertum? Funktioniert hier nicht. Sowas machst du nicht alleine.“

Ein paar Stunden später, als es gegen 21 Uhr langsam zu dämmern beginnt, kommt auch Heidis „Team“ bei ihm an. Joana, Sandy und Chica, der offizielle Begleithund, stellen heute die Besatzung im Begleitfahrzeug BF 3. In zwei weiteren Fahrzeugen übernehmen Jenny und Kollege Sven die Vor- und Nachhut. Die Begrüßung ist herzlich und es werden gleich die neuesten Stories aus der Schwerlastgemeinde ausgetauscht. Die ist nämlich überschaubar, fast wie ein kleines Dorf, darum kennt jeder jeden. Die Begleiter arbeiten für einen Dienstleister und deshalb nicht nur für Bohnet, trotzdem betrachtet Michael sie als seine Kollegen, sein Team. „Ich fahre das Ding vielleicht, sowas machst du aber niemals alleine. Einzelkämpfertum funktioniert hier nicht“, sagt Michael mit Nachdruck in der Stimme. Was das bedeutet, ist später noch gut zu beobachten. Doch jetzt rollt erstmal die Polizei vor, drei Streifenwagen werden den Transport begleiten. Während drei Polizistinnen und zwei Kollegen sich darum kümmern, dass Autos, die rund um die Ausfahrt im Halteverbot stehen, noch wegkommen, nimmt der Kommandant der Einheit mit Heidi den Transport ab. Keine Beanstandungen. Sehr schön. Dann erklärt er dem Mann in Uniform minutiös den Streckenverlauf und wo er warum wie abbiegt, im Gegenverkehr fahren muss, die Kurven eng, aber machbar sind, er „englisch“ in den Kreisverkehr einfährt und so weiter. Schwerlastfachjargon. Der Kommandant schaut gleichermaßen interessiert wie irritier. „Das steht so in den Papieren?“ „Jawohl.“ „Prima, dann machen Sie mal und funken uns schön. Ich kann mir das nicht alles merken.“

Während Michael den 140-Füßler, ja, so viele Räder hat der Sattelzug insgesamt, ganz langsam rückwärts in Bewegung setzt und Joana ihn mit der zusätzlichen Fernsteuerung für den Auflieger und dem Funkgerät in der Hand einweist, riegeln die Polizei, Sandy, Jenny und Sven die mehrspurige städtische Hauptstraße komplett ab. Kaum ums erste Eck bugsiert, ist auch schon Stopp. Planmäßig, denn Joana zückt den Meterstab und Heidi springt aus dem Fahrerhaus, um mit den Hydraulikhebeln des Sattels die Fahrhöhe einzustellen. Dann geht’s los, ein paar Kilometer durch die Stadt und einen Vorort. Mal auf der eigenen Spur, mal im Gegenverkehr, wenn eine Schilderbrücke oder ähnliches ungünstig steht. Vornweg zwei Mal die Polizei und die Vorhut, hinterher das BF 3, die Nachhut und nochmal Polizei. Andere Verkehrsteilnehmer sind zu dieser Uhrzeit nicht mehr ganz so viele unterwegs, aber die paar, die dem gelben Riesending in die Quere kommen könnten, blocken die Streifen und das Team gekonnt ab. Als nächstes steht eine Geisterfahrt auf der Bundesstraße an, für die diese einseitig komplett gesperrt wird. Das Manöver ist nötig, denn zum einen passt die Brückenstatik auf der eigentlichen Fahrtrichtung nicht und die Abfahrt am Ende der Strecke ist zu verwinkelt. So geht es ohne Brücke und durch einen größeren Kreisverkehr, den Michael „englisch“, also linksherum, relativ problemlos passieren kann. An den kniffligen Stellen ist sofort Joana parat, die per Fernsteuerung den Trailer mit lenkt und nachjustiert. Dazwischen flitzen Sven und Jenny herum, die Straßenschilder umlegen und wieder aufstellen oder Kanten und Bordsteine mit ausgelegten Holzbalken und Brettern entschärfen.

„Ich muss die Technik kennen, verstehen, was machbar ist und was sinnvoll.“

Langsam und abgesenkt geht es unter einer Brücke hindurch. Kurzer Stopp, wieder Höhe justieren. Inzwischen ist es dunkel und man sieht im hellen Lichtkegel um die Zugmaschine die Abwärme dampfen. Die Heckkühler arbeiten. Der MAN stampft die größte Steigung der Etappe, die jetzt vor ihm liegt, beharrlich und mit pfeifenden Turbos hoch. Ein bisschen Landstraße, ein Örtchen, läuft. Doch am Ortsausgang wartet der fieseste Kreisverkehr der Strecke auf den Transport. Die Mannschaft hält eine kurze Lagebesprechung ab, Michael erklärt Joana, wie er den Kreisverkehr angehen will und hebt dann den Tieflader an. Sven und Jenny umbauen das Rund mit Unterlegmaterial. Rum geht es nur sehr langsam. Einfach rücksichtslos drüberrumpeln ginge sicher, doch das büßt man spätestens, wenn das Material nicht mehr mitspielt und auf einen Reifenwechsel oder eine Reparatur an einer Hydraulikleitung hat heute Nacht keiner Lust. Die Achsen verwinden sich beachtlich, das Holz unter den Rädern knirscht und splittert. „Umsicht ist gefragt. Ich muss die Technik kennen und verstehen, was machbar ist und was sinnvoll. Das ist nämlich nicht zwingend das Selbe“, meint Michael, der hochkonzentriert ist. Einige Male springt er aus dem Fahrerhaus, um alles zu checken, und packt die Bretter und Balken mit an. Teamwork eben.

Das Rondell kostet die Truppe jede Menge Action, über 30 Minuten Zeitverlust und ein Dorf weiter grüßt bereits der nächste Kreisverkehr. Durch den geht es aber „nur“ gegenläufig halb hindurch, dann rückwärts in eine Seitenstraße und danach wieder geradeaus. Eine der Polizistinnen und ihr Kollege sind aus dem Streifenwagen gestiegen und schauen sich das aus der Nähe an. Ihren Gesichtern ist nicht ganz abzulesen, ob sie das spannend oder völlig abseitig finden. Egal, denn nach dem extravaganten Rechtsabbiegen geht es die letzten zehn Kilometer bis zur Autobahn quasi nur noch geradeaus. Vor der Auffahrt am Aichelberg übergeben die Streifen an die Kollegen von der Autobahnpolizei. Michael ist sichtlich gelöst, jetzt kommt der angenehme Teil: „Bis morgen früh um sechs geht es jetzt noch ein gutes Stück voran. Wir fahren zuerst raufwärts, dann quer und dann wieder runter, weil die A8 bei Pforzheim uns nicht trägt.“ Ein letztes Mal prüfen Joana und er die Fahrhöhe nach, damit bei der zügigeren Etappe auf der Autobahn auch alles seine Richtigkeit hat. Hupen, ein winkender Arm aus dem heruntergelassenen Fenster und dann verschwinden Heidi und Begleitung auch schon mit blauem und gelbem Lichtgeflacker in die Nacht.

EXTRABREIT

Fotos & Text: Sandra Moser

Groß und schwer, das ist es, was Michael Heidenreich bewegt – im doppelten Sinn. Denn er ist Schwerlastfahrer und liebt diese Herausforderung.

Wenn Michael Heidenreich den Motor seines dicken MAN TGX 41.640 anwirft und sich auf Tour macht, ist er meistens ganz schön breit unterwegs. Überbreit, um genau zu sein. Und überlang. Und ziemlich hoch oft auch. Heidi, wie seine Kollegen und Freunde den 44-jährigen nennen, ist seit 15 Jahren Fahrer für Spezialtransporte bei der Schwerlastspedition Bohnet aus der Nähe von Memmingen. Dinge mit nicht ganz alltäglichen Dimensionen bewegen ist sein alltäglicher Job. Michael lächelt bescheiden, als spräche er von Kleinigkeiten: „Das Schwerste, an das ich mich jetzt so spontan erinnere, war ein Trafo von Trafo Union Nürnberg. Der hatte mit Träger unten dran 500 Tonnen.“

Dagegen ist das, was heute auf der To-Do-Liste steht, fast Kleinkram. „Nur“ knapp 130 Tonnen wiegt die Presse, die vom Hersteller, Schuler Pressen im schwäbischen Göppingen, zu ihrem neuen Besitzer in der Nähe von Offenburg muss. Immerhin, in den Papieren ist der Transport mit 34 Metern Länge, 5,8 Metern Breite und 4,6 Metern Höhe bei einem Meter Fahrhöhe notiert. „Insgesamt habe ich 20 Achsen mitgebracht, 16 am Auflieger plus die vier von der Zugmaschine“, zählt Michael auf. Der Auflieger ist aus vier Modulen von Scheuerle zusammengebaut. „Es sind welche mit 10,5 Tonnen Achslast, also kommen wir gut hin mit dem Gewicht der Ladung. Technisch kann man so ein Ding fast nicht überladen, 24 Tonnen pro Achse sind möglich. Aber leider ist die Infrastruktur, Straßen, Brücken, inzwischen so empfindlich geworden, dass die Genehmigungen strikt einzuhalten sind“, erklärt er, während er die Sicherungsmittel, massive Ketten und große Karabiner vorbereitet.

„An Nachwuchs mangelt es. Eigentlich echt schade, denn es ist ein toller Beruf.“

Die Ladung, ein mächtiger Klotz, eingeschweißt in Transportfolie, liegt schon parat. Die Verlader von Schuler haben gerade noch dicke Schäkel eingeschraubt und schlagen sie jetzt an dem 230-Tonnen Kran unter der Hallendecke an. Der packt die Presse dann ganz langsam mittig auf den Tieflader. Heidi schaut genau hin und fasst mit an. „Das gehört dazu, genauso wie das Sichern. Die Fahraufgaben in unserer Branche sind herausfordernd und immer wieder aufs Neue spannend, dafür können sich viele begeistern. Aber das ganze Drumrum ist eben auch sehr anstrengend und mindestens genau so anspruchsvoll. Da verging schon einigen der Spaß. Darum finden auch wir eher schwer Nachwuchs. Was eigentlich echt schade ist, denn es ist ein toller Beruf“, ruft er vom Auflieger runter, bevor er sich an den ersten Kettenspanner hängt. Heidi verzurrt sechs Mal und positioniert dann noch die beiden beleuchteten Warntafelbalken vor und hinter der Presse. Die Verlader präparieren unterdessen ein riesiges blaues „Schutzdeckchen“ für das wertvolle Gut und breiten es mittels Kran über den Stahlklotz. Jetzt fehlt nur noch ein bisschen Schwerlast-Makramee mit etwa vier Dutzend Schnüren, damit die Plane nicht während der Fahrt zu flattern anfängt. Mit flinken Handgriffen schlingt Michael Knoten, die stramm sitzen, sich aber trotzdem leicht öffnen lassen, sollte er unterwegs mal nachspannen müssen. Jetzt noch kurz die persönliche Materialkiste auf dem Schwanenhals aufräumen, das Hydraulikaggregat des Aufliegers betanken und das Gespann ist abfahrbereit. Es kann losgehen.

Nein, natürlich nicht. Auf den Weg machen kann sich die Fuhre erst ab 22 Uhr. Wenn die Begleitfahrzeuge und die Polizei da sind. Michael grinst: „Durch die Überbreite ist auf der ganzen Strecke „begleitetes Fahren“ angesagt.“ Bis es so weit ist, macht er deshalb Pause und setzt sich erstmal gemütlich in die Sonne. Ein lässiger Job. „Naja, dafür darf ich übermorgen, kurz vorm Ziel, den Trailer umbauen. Weil ich in der Länge nicht zum Kunden komme. Dazu muss auf einem Rastplatz die Ladung auf Stahlfüße abgesetzt werden, damit ich ein Modul herausnehmen kann. Alles mit der Hand am Arm. Das ist dann das Gegenteil von lässig. Ich hoffe, es ist kein Mistwetter.“

Seine Arbeit mag Michael trotzdem sehr. Als gelernter Schlosser für Nutzfahrzeuge gehörte der Lkw-Führerschein für ihn zur Ausbildung. Von der Werkstatt auf die Straße wechselte er 1994, zuerst auf einen normalen 40-Tonner. „Mein Vater war schon Fernfahrer, das ist, wie bei so vielen, eine Erbkrankheit“, erzählt er lachend. Mit 40 Tonnen hat er es zwar inzwischen kaum noch zu tun, aber auch für Bohnet kommen seine elf Fahrer-Kollegen und er ganz schön rum, mal alleine, öfter im Konvoi. Von Nordschweden bis Südportugal, von England über Holland, Italien oder Slowenien. Schlicht kreuz und quer durch Europa. Kaum vorstellbar, wenn man sich die Dimensionen der Ladungen vor Augen führt: Behälter, Generatoren, Turbinen, Brückenbauteile, Trafos, Maschinen und Maschinenteile – ja einfach alles, was die Schwerindustrie so hergibt. Mit just in time und Overnight Express ist in diesen Größenordnungen natürlich nichts zu machen. „Wenn man weiß, es geht weit in den Süden oder Norden, dann ist man halt einfach mal 14 Tage unterwegs. Das sind trotzdem die schönsten Touren, denn im Ausland, das muss ich echt sagen, ist das Fahren mit solchen Maßen und Massen einfach entspannter“, beschreibt er. Getoppt wird das Ganze nur noch, wenn seine Frau Renate ihn begleitet. Das erlaubt sein Arbeitgeber nämlich ab und zu, und, seine Frau macht das auch noch richtig gerne, sagt er und lächelt stolz: „Sie würde viel öfter mitkommen, wenn das zeitlich ginge. Wir sind seit 21 Jahren verheiratet, was in dieser Branche eher eine Seltenheit ist.“

„Einzelkämpfertum? Funktioniert hier nicht. Sowas machst du nicht alleine.“

Ein paar Stunden später, als es gegen 21 Uhr langsam zu dämmern beginnt, kommt auch Heidis „Team“ bei ihm an. Joana, Sandy und Chica, der offizielle Begleithund, stellen heute die Besatzung im Begleitfahrzeug BF 3. In zwei weiteren Fahrzeugen übernehmen Jenny und Kollege Sven die Vor- und Nachhut. Die Begrüßung ist herzlich und es werden gleich die neuesten Stories aus der Schwerlastgemeinde ausgetauscht. Die ist nämlich überschaubar, fast wie ein kleines Dorf, darum kennt jeder jeden. Die Begleiter arbeiten für einen Dienstleister und deshalb nicht nur für Bohnet, trotzdem betrachtet Michael sie als seine Kollegen, sein Team. „Ich fahre das Ding vielleicht, sowas machst du aber niemals alleine. Einzelkämpfertum funktioniert hier nicht“, sagt Michael mit Nachdruck in der Stimme. Was das bedeutet, ist später noch gut zu beobachten. Doch jetzt rollt erstmal die Polizei vor, drei Streifenwagen werden den Transport begleiten. Während drei Polizistinnen und zwei Kollegen sich darum kümmern, dass Autos, die rund um die Ausfahrt im Halteverbot stehen, noch wegkommen, nimmt der Kommandant der Einheit mit Heidi den Transport ab. Keine Beanstandungen. Sehr schön. Dann erklärt er dem Mann in Uniform minutiös den Streckenverlauf und wo er warum wie abbiegt, im Gegenverkehr fahren muss, die Kurven eng, aber machbar sind, er „englisch“ in den Kreisverkehr einfährt und so weiter. Schwerlastfachjargon. Der Kommandant schaut gleichermaßen interessiert wie irritier. „Das steht so in den Papieren?“ „Jawohl.“ „Prima, dann machen Sie mal und funken uns schön. Ich kann mir das nicht alles merken.“

Während Michael den 140-Füßler, ja, so viele Räder hat der Sattelzug insgesamt, ganz langsam rückwärts in Bewegung setzt und Joana ihn mit der zusätzlichen Fernsteuerung für den Auflieger und dem Funkgerät in der Hand einweist, riegeln die Polizei, Sandy, Jenny und Sven die mehrspurige städtische Hauptstraße komplett ab. Kaum ums erste Eck bugsiert, ist auch schon Stopp. Planmäßig, denn Joana zückt den Meterstab und Heidi springt aus dem Fahrerhaus, um mit den Hydraulikhebeln des Sattels die Fahrhöhe einzustellen. Dann geht’s los, ein paar Kilometer durch die Stadt und einen Vorort. Mal auf der eigenen Spur, mal im Gegenverkehr, wenn eine Schilderbrücke oder ähnliches ungünstig steht. Vornweg zwei Mal die Polizei und die Vorhut, hinterher das BF 3, die Nachhut und nochmal Polizei. Andere Verkehrsteilnehmer sind zu dieser Uhrzeit nicht mehr ganz so viele unterwegs, aber die paar, die dem gelben Riesending in die Quere kommen könnten, blocken die Streifen und das Team gekonnt ab. Als nächstes steht eine Geisterfahrt auf der Bundesstraße an, für die diese einseitig komplett gesperrt wird. Das Manöver ist nötig, denn zum einen passt die Brückenstatik auf der eigentlichen Fahrtrichtung nicht und die Abfahrt am Ende der Strecke ist zu verwinkelt. So geht es ohne Brücke und durch einen größeren Kreisverkehr, den Michael „englisch“, also linksherum, relativ problemlos passieren kann. An den kniffligen Stellen ist sofort Joana parat, die per Fernsteuerung den Trailer mit lenkt und nachjustiert. Dazwischen flitzen Sven und Jenny herum, die Straßenschilder umlegen und wieder aufstellen oder Kanten und Bordsteine mit ausgelegten Holzbalken und Brettern entschärfen.

„Ich muss die Technik kennen, verstehen, was machbar ist und was sinnvoll.“

Langsam und abgesenkt geht es unter einer Brücke hindurch. Kurzer Stopp, wieder Höhe justieren. Inzwischen ist es dunkel und man sieht im hellen Lichtkegel um die Zugmaschine die Abwärme dampfen. Die Heckkühler arbeiten. Der MAN stampft die größte Steigung der Etappe, die jetzt vor ihm liegt, beharrlich und mit pfeifenden Turbos hoch. Ein bisschen Landstraße, ein Örtchen, läuft. Doch am Ortsausgang wartet der fieseste Kreisverkehr der Strecke auf den Transport. Die Mannschaft hält eine kurze Lagebesprechung ab, Michael erklärt Joana, wie er den Kreisverkehr angehen will und hebt dann den Tieflader an. Sven und Jenny umbauen das Rund mit Unterlegmaterial. Rum geht es nur sehr langsam. Einfach rücksichtslos drüberrumpeln ginge sicher, doch das büßt man spätestens, wenn das Material nicht mehr mitspielt und auf einen Reifenwechsel oder eine Reparatur an einer Hydraulikleitung hat heute Nacht keiner Lust. Die Achsen verwinden sich beachtlich, das Holz unter den Rädern knirscht und splittert. „Umsicht ist gefragt. Ich muss die Technik kennen und verstehen, was machbar ist und was sinnvoll. Das ist nämlich nicht zwingend das Selbe“, meint Michael, der hochkonzentriert ist. Einige Male springt er aus dem Fahrerhaus, um alles zu checken, und packt die Bretter und Balken mit an. Teamwork eben.

Das Rondell kostet die Truppe jede Menge Action, über 30 Minuten Zeitverlust und ein Dorf weiter grüßt bereits der nächste Kreisverkehr. Durch den geht es aber „nur“ gegenläufig halb hindurch, dann rückwärts in eine Seitenstraße und danach wieder geradeaus. Eine der Polizistinnen und ihr Kollege sind aus dem Streifenwagen gestiegen und schauen sich das aus der Nähe an. Ihren Gesichtern ist nicht ganz abzulesen, ob sie das spannend oder völlig abseitig finden. Egal, denn nach dem extravaganten Rechtsabbiegen geht es die letzten zehn Kilometer bis zur Autobahn quasi nur noch geradeaus. Vor der Auffahrt am Aichelberg übergeben die Streifen an die Kollegen von der Autobahnpolizei. Michael ist sichtlich gelöst, jetzt kommt der angenehme Teil: „Bis morgen früh um sechs geht es jetzt noch ein gutes Stück voran. Wir fahren zuerst raufwärts, dann quer und dann wieder runter, weil die A8 bei Pforzheim uns nicht trägt.“ Ein letztes Mal prüfen Joana und er die Fahrhöhe nach, damit bei der zügigeren Etappe auf der Autobahn auch alles seine Richtigkeit hat. Hupen, ein winkender Arm aus dem heruntergelassenen Fenster und dann verschwinden Heidi und Begleitung auch schon mit blauem und gelbem Lichtgeflacker in die Nacht.