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EIN HERZ FÜR KEHRICHTWAGEN

Fotos & Text: Sandra Moser

Einem Saurer 4DFK gehört das Herz von Rainer Scherrieble – eine Liebe, die hier und da ein bisschen rostet, aber sonst ganz wunderbar in Schuss ist.

„Bing, bing, bing, bing, bing“ – die Regenklappe auf dem nach oben gezogenen Auspuff des orange silbern glänzenden Saurer wippt, vom Standgas gekitzelt, munter bimmelnd vor sich hin. Zwischen Hausmüllbergen, zu Ballen gepressten Kunststoffabfällen und anderen, wiederverwertbaren, Hinterlassenschaften der modernen Wegwerfgesellschaft, ist der eckige Zweiachser ganz in seinem Element. Der über 40 Jahre alte Kehrichtwagen verrichtete früher seinen Dienst in der Müllabfuhr des Schweizer Kantons Neuchâtel und erfreut jetzt Oldie-Freund und Entsorgungsunternehmer Rainer Scherrieble aus Esslingen am Neckar.

Rainer ist, zusammen mit seinem Bruder, Herr über rund 90 Lkw, die an verschiedenen Firmenstandorten nahezu alle Transportdienstleistungen rund um das Thema Entsorgung und Recycling abwickeln. Auf dem Gelände der Firmenzentrale sticht der Oldie aus einem nagelneuen Euro-6-Müllwagenfuhrpark nicht nur wegen seiner Farbe heraus, wie ein metallgewordener Dinosaurier. „Ja, dieses Schätzchen hier, das sorgte für Erstaunen in der Szene. Dass es den Saurer in dieser Ausführung noch gibt, das hat viele gewundert“, erzählt Rainer. „Plane oder Pritsche findet man recht häufig, aber wer stellt sich schon einen alten Müllwagen hin?“ Für ihn persönlich ist der ausgefallene Rechtslenker jedoch die perfekte Ergänzung seiner Sammlung. Auch wenn schöne Spazierfahrten am Sonntag mit dem Kommunalgefährt nicht drin sind. Der Lkw wiegt leer um die 14 Tonnen und fällt unter das Fahrverbot. Ablasten ist bauartbedingt nicht möglich. „Meine Frau sagte, mit einem Müllwagen fährt man sonntags eh nicht. Da hat sie wohl recht“, lacht Rainer, als er sich auf den rustikalen Fahrersitz schwingt. Eine Runde auf dem weitläufigen Betriebshof geht zum Glück immer.

„Lkw gehören zu meinem Leben, so lange ich denken kann. Einen Beruf ohne sie kann ich mir nicht vorstellen.“

Die Begeisterung für Lastwagen, beruflich wie privat, liegt bei den Scherriebles in der Familie. Der Großvater gründete den Betrieb Anfang der 1930er als klassisches Fuhrunternehmen, in den 60ern übernahm Rainers Vater und Mitte der 90er stiegen sein Bruder und er mit ein. „Als kleiner Pimpf in Windeln saß ich bei meinem Vater auf dem Schoss und patschte schon nach dem Lenkrad. Seit ich laufen konnte, trieb ich mich wochenends hier herum und meine ganzen Schulferien verbrachte ich selbstverständlich auf dem Hof und in der Werkstatt“, erinnert sich Rainer an seine Kindheit, „Lkw gehören zu meinem Leben, so lange ich denken kann. Einen Beruf ohne sie kann ich mir nicht vorstellen.“ Dass er nach seinem Betriebswirtsstudium an der Fachhochschule mit Fachrichtung Logistik im elterlichen Betrieb arbeiten möchte, stand für ihn nie außer Frage.

In den letzten Jahrzehnten fokussierte sich das Unternehmen immer mehr auf den Bereich Entsorgung und Recycling und die Brüder erweiterten das Portfolio um Verwertungsanlagen und Schrotthandel. Die Bereiche Spedition und Erd- und Tiefbau wurden, ganz pragmatisch, aufgegeben, da hier die Konkurrenz einfach zu groß war. Apropos pragmatisch – von den eigenen Lkw aus der frühen bis mittleren über 80-jährigen Firmengeschichte ist leider keiner mehr übrig. „Lange Jahre galt, für mich übrigens auch, das alte Gelumpe muss weg, das steht nur rum“, erklärt Rainer. Aus unternehmerischer Sicht betrachtet ist das nur konsequent. Denn bevor ein Laster ein richtiger Oldtimer wird und eine entsprechende Zulassung bekommt, dauert es schließlich ein Weilchen. So lange kann man ihn im Tagesgeschäft gar nicht rentabel fahren. Von den immer strenger werdenden Umweltauflagen für die Transportbranche mal ganz abgesehen. „Einen Lkw bei Seite stellen und zehn bis 15 Jahre „lagern“ bis es so weit ist, das haben wir uns nicht geleistet“, schildert Rainer, „wobei da schon ein zwei Modelle dabei waren, denen ich heute etwas nachtraure.“ Zum Beispiel ein kleiner, schmaler Müllwagen auf MAN-Basis in sogenannter Schweizer Ausführung mit nur 2,30 Metern Breite, genau passend für die hübsche Altstadt von Esslingen, die aus vielen verwinkelten und enge Sträßchen besteht. Doch der MAN war vom Tagesgeschäft ordentlich gezeichnet und ging den Gang aller Dinge in der Recyclingbranche. Bis nun tatsächlich ein Müllwagen-Oldtimer in Rainers Lkw-Tiefgarage parkt, verging einige Zeit.

Zuerst restaurierten er und einige Enthusiasten aus der firmeneigenen Werkstatt zum Firmenjubiläum einen kleinen 911 LK Mercedes-Benz Rundhauber. Als nächstes kam ein Feuerwehr-Magirus dazu und als drittes ein großer langschnauziger Saurer-Absetzkipper. „So hat man dann urplötzlich eine Mitgliedschaft im Feuerwehroldtimer-Club, obwohl ich nie was mit der Feuerwehr zu tun hatte, oder fährt mit so einem alten Trum auf eigener Achse zum Saurer-Treffen nach Winterthur“, erzählt Rainer lachend.

„Ein Punkt an dieser Alte-Lkw-Sache, der mir total Spaß macht, ist die Community. Das ist schon ein besonderer Schlag Menschen.“

In einer Facebook-Gruppe für Saurer Oldtimer entdeckte er dann im Sommer 2015 den außergewöhnlichen 4DFK mit Baujahr 1975 aus der französischen Schweiz. „Mein Französisch aus der grauen Vorzeit ist nicht so dolle, aber meine Tochter lernt es aktuell in der Schule und so nahmen wir mit vereinten Kräften Kontakt mit dem Besitzer auf.“ Dann ging alles ganz schnell: hinfahren, anschauen, ziemlich gut finden, kaufen. Drei Wochen später rollte der Tieflader mit dem historischen Müllsammler auf das Firmengelände.

Die erste „Tour“ des Saurer ging geradewegs auf die Grube. Rainer erklärt: „Wir machten eine gründliche Inspektion und stellten fest, dass der Lkw richtig gut in Schuss war. Die Allison-Vollautomatik schaltet einwandfrei, sogar der Ochsner-Aufbau mit der Verdichtungspresse funktioniert noch tadellos.“ Der Tausch aller Betriebsmittel, der Bremsen, Bremszylinder und der Reifen war trotzdem obligatorisch. Schließlich weiß man ja nie, wie lang der Lkw schon stand, nachdem er mit rund 130.000 Kilometern auf der Uhr in Rente ging. Diese Arbeiten dauerten ein bisschen, zuerst baute Rainers Werkstattmeister, auch ein großer Oldie-Fan, die betreffenden Teile aus und dann ging die Recherche nach dem passenden Ersatz los. Denn das muss schon alles so original wie möglich sein, da haben echte Oldtimer-Liebhaber ihren Stolz. „In dem Punkt sind wir vielleicht ein bisschen spleenig, aber ich betrachte das schlicht als eine positive Art von Verrücktheit“, grinst Rainer. Durch die Restaurationen der anderen Firmen-Oldtimer sind die zwei inzwischen Teil eines Netzwerks von Gleichgesinnten, in dem jeder jemand kennt, der jemand kennt, der irgendwo ganz hinten im Lager vielleicht noch ein Ersatzteil rumliegen hat, welches genau jetzt gefragt ist. „Das ist auch so ein Punkt an dieser Alte-Lkw-Sache, der mir total Spaß macht“ beschreibt der Unternehmer, „die Community drum rum. Das ist schon ein besonderer Schlag Menschen.“

Im April veranstaltete Rainer auf seinem Firmengelände übrigens schon zum vierten Mal das „Entennest Nutzfahrzeug-Oldtimertreffen“: „Benannt nach unserer Postanschrift riefen wir 2014, zum Tag der offenen Tür hier im Industriegebiet ein kleines Fest für unsere Freunde ins Leben. Ich hatte Anmeldungen für 40 Fahrzeuge und dann schüttete es tagelang als wär’s der Weltuntergang. Wir wollten es schon absagen, aber, alle sind gekommen!“ Das Treffen wuchs von Jahr zu Jahr und lockt stetig mehr und mehr Besucher an. Dieses Mal gab es Stellplätze für fast 90 alte Schätzchen ­und eines davon war natürlich der Saurer 4DFK Kehrichtwagen!

EIN HERZ FÜR KEHRICHTWAGEN

Fotos & Text: Sandra Moser

Einem Saurer 4DFK gehört das Herz von Rainer Scherrieble – eine Liebe, die hier und da ein bisschen rostet, aber sonst ganz wunderbar in Schuss ist.


„Bing, bing, bing, bing, bing“ – die Regenklappe auf dem nach oben gezogenen Auspuff des orange silbern glänzenden Saurer wippt, vom Standgas gekitzelt, munter bimmelnd vor sich hin. Zwischen Hausmüllbergen, zu Ballen gepressten Kunststoffabfällen und anderen, wiederverwertbaren, Hinterlassenschaften der modernen Wegwerfgesellschaft, ist der eckige Zweiachser ganz in seinem Element. Der über 40 Jahre alte Kehrichtwagen verrichtete früher seinen Dienst in der Müllabfuhr des Schweizer Kantons Neuchâtel und erfreut jetzt Oldie-Freund und Entsorgungsunternehmer Rainer Scherrieble aus Esslingen am Neckar.

Rainer ist, zusammen mit seinem Bruder, Herr über rund 90 Lkw, die an verschiedenen Firmenstandorten nahezu alle Transportdienstleistungen rund um das Thema Entsorgung und Recycling abwickeln. Auf dem Gelände der Firmenzentrale sticht der Oldie aus einem nagelneuen Euro-6-Müllwagenfuhrpark nicht nur wegen seiner Farbe heraus, wie ein metallgewordener Dinosaurier. „Ja, dieses Schätzchen hier, das sorgte für Erstaunen in der Szene. Dass es den Saurer in dieser Ausführung noch gibt, das hat viele gewundert“, erzählt Rainer. „Plane oder Pritsche findet man recht häufig, aber wer stellt sich schon einen alten Müllwagen hin?“ Für ihn persönlich ist der ausgefallene Rechtslenker jedoch die perfekte Ergänzung seiner Sammlung. Auch wenn schöne Spazierfahrten am Sonntag mit dem Kommunalgefährt nicht drin sind. Der Lkw wiegt leer um die 14 Tonnen und fällt unter das Fahrverbot. Ablasten ist bauartbedingt nicht möglich. „Meine Frau sagte, mit einem Müllwagen fährt man sonntags eh nicht. Da hat sie wohl recht“, lacht Rainer, als er sich auf den rustikalen Fahrersitz schwingt. Eine Runde auf dem weitläufigen Betriebshof geht zum Glück immer.

„Lkw gehören zu meinem Leben, so lange ich denken kann. Einen Beruf ohne sie kann ich mir nicht vorstellen.“

Die Begeisterung für Lastwagen, beruflich wie privat, liegt bei den Scherriebles in der Familie. Der Großvater gründete den Betrieb Anfang der 1930er als klassisches Fuhrunternehmen, in den 60ern übernahm Rainers Vater und Mitte der 90er stiegen sein Bruder und er mit ein. „Als kleiner Pimpf in Windeln saß ich bei meinem Vater auf dem Schoss und patschte schon nach dem Lenkrad. Seit ich laufen konnte, trieb ich mich wochenends hier herum und meine ganzen Schulferien verbrachte ich selbstverständlich auf dem Hof und in der Werkstatt“, erinnert sich Rainer an seine Kindheit, „Lkw gehören zu meinem Leben, so lange ich denken kann. Einen Beruf ohne sie kann ich mir nicht vorstellen.“ Dass er nach seinem Betriebswirtsstudium an der Fachhochschule mit Fachrichtung Logistik im elterlichen Betrieb arbeiten möchte, stand für ihn nie außer Frage.

In den letzten Jahrzehnten fokussierte sich das Unternehmen immer mehr auf den Bereich Entsorgung und Recycling und die Brüder erweiterten das Portfolio um Verwertungsanlagen und Schrotthandel. Die Bereiche Spedition und Erd- und Tiefbau wurden, ganz pragmatisch, aufgegeben, da hier die Konkurrenz einfach zu groß war. Apropos pragmatisch – von den eigenen Lkw aus der frühen bis mittleren über 80-jährigen Firmengeschichte ist leider keiner mehr übrig. „Lange Jahre galt, für mich übrigens auch, das alte Gelumpe muss weg, das steht nur rum“, erklärt Rainer. Aus unternehmerischer Sicht betrachtet ist das nur konsequent. Denn bevor ein Laster ein richtiger Oldtimer wird und eine entsprechende Zulassung bekommt, dauert es schließlich ein Weilchen. So lange kann man ihn im Tagesgeschäft gar nicht rentabel fahren. Von den immer strenger werdenden Umweltauflagen für die Transportbranche mal ganz abgesehen. „Einen Lkw bei Seite stellen und zehn bis 15 Jahre „lagern“ bis es so weit ist, das haben wir uns nicht geleistet“, schildert Rainer, „wobei da schon ein zwei Modelle dabei waren, denen ich heute etwas nachtraure.“ Zum Beispiel ein kleiner, schmaler Müllwagen auf MAN-Basis in sogenannter Schweizer Ausführung mit nur 2,30 Metern Breite, genau passend für die hübsche Altstadt von Esslingen, die aus vielen verwinkelten und enge Sträßchen besteht. Doch der MAN war vom Tagesgeschäft ordentlich gezeichnet und ging den Gang aller Dinge in der Recyclingbranche. Bis nun tatsächlich ein Müllwagen-Oldtimer in Rainers Lkw-Tiefgarage parkt, verging einige Zeit.

Zuerst restaurierten er und einige Enthusiasten aus der firmeneigenen Werkstatt zum Firmenjubiläum einen kleinen 911 LK Mercedes-Benz Rundhauber. Als nächstes kam ein Feuerwehr-Magirus dazu und als drittes ein großer langschnauziger Saurer-Absetzkipper. „So hat man dann urplötzlich eine Mitgliedschaft im Feuerwehroldtimer-Club, obwohl ich nie was mit der Feuerwehr zu tun hatte, oder fährt mit so einem alten Trum auf eigener Achse zum Saurer-Treffen nach Winterthur“, erzählt Rainer lachend.

„Ein Punkt an dieser Alte-Lkw-Sache, der mir total Spaß macht, ist die Community. Das ist schon ein besonderer Schlag Menschen.“

In einer Facebook-Gruppe für Saurer Oldtimer entdeckte er dann im Sommer 2015 den außergewöhnlichen 4DFK mit Baujahr 1975 aus der französischen Schweiz. „Mein Französisch aus der grauen Vorzeit ist nicht so dolle, aber meine Tochter lernt es aktuell in der Schule und so nahmen wir mit vereinten Kräften Kontakt mit dem Besitzer auf.“ Dann ging alles ganz schnell: hinfahren, anschauen, ziemlich gut finden, kaufen. Drei Wochen später rollte der Tieflader mit dem historischen Müllsammler auf das Firmengelände.

Die erste „Tour“ des Saurer ging geradewegs auf die Grube. Rainer erklärt: „Wir machten eine gründliche Inspektion und stellten fest, dass der Lkw richtig gut in Schuss war. Die Allison-Vollautomatik schaltet einwandfrei, sogar der Ochsner-Aufbau mit der Verdichtungspresse funktioniert noch tadellos.“ Der Tausch aller Betriebsmittel, der Bremsen, Bremszylinder und der Reifen war trotzdem obligatorisch. Schließlich weiß man ja nie, wie lang der Lkw schon stand, nachdem er mit rund 130.000 Kilometern auf der Uhr in Rente ging. Diese Arbeiten dauerten ein bisschen, zuerst baute Rainers Werkstattmeister, auch ein großer Oldie-Fan, die betreffenden Teile aus und dann ging die Recherche nach dem passenden Ersatz los. Denn das muss schon alles so original wie möglich sein, da haben echte Oldtimer-Liebhaber ihren Stolz. „In dem Punkt sind wir vielleicht ein bisschen spleenig, aber ich betrachte das schlicht als eine positive Art von Verrücktheit“, grinst Rainer. Durch die Restaurationen der anderen Firmen-Oldtimer sind die zwei inzwischen Teil eines Netzwerks von Gleichgesinnten, in dem jeder jemand kennt, der jemand kennt, der irgendwo ganz hinten im Lager vielleicht noch ein Ersatzteil rumliegen hat, welches genau jetzt gefragt ist. „Das ist auch so ein Punkt an dieser Alte-Lkw-Sache, der mir total Spaß macht“ beschreibt der Unternehmer, „die Community drum rum. Das ist schon ein besonderer Schlag Menschen.“

Im April veranstaltete Rainer auf seinem Firmengelände übrigens schon zum vierten Mal das „Entennest Nutzfahrzeug-Oldtimertreffen“: „Benannt nach unserer Postanschrift riefen wir 2014, zum Tag der offenen Tür hier im Industriegebiet ein kleines Fest für unsere Freunde ins Leben. Ich hatte Anmeldungen für 40 Fahrzeuge und dann schüttete es tagelang als wär’s der Weltuntergang. Wir wollten es schon absagen, aber, alle sind gekommen!“ Das Treffen wuchs von Jahr zu Jahr und lockt stetig mehr und mehr Besucher an. Dieses Mal gab es Stellplätze für fast 90 alte Schätzchen ­und eines davon war natürlich der Saurer 4DFK Kehrichtwagen!